Nikolas Dragosch
Wissenschaftler und Kämpfer für die wahre Demokratie

(AUTOBIOGRAPHIE)


Deutsche Kolonie Leipzig (Süd-Bessarabien), wo ich 26 Oktober 1932 zur Welt kam, wurde 1814 - 1815 von Einwanderern aus verschiedenen Teilen Deutschlands sowie Polen gegründet. Den Namen bekam die Kolonie zu Ehren der "Völkerschlacht bei Leipzig". In selben Jahren entstanden 18 Kolonien von eingewanderten Deutschen, welche dem Aufruf von Zar Alexander 1. folgten. Der russische Herrscher sicherte viele Privilegien und fruchtbares Land zu (Schwarzerde, ca. 66 ha pro Familie). Auf deutsche Einwanderer legte man besonderen Wert, denn sie sollten den rückständigen ansässigen Völkergruppen als Vorbild in Kultur und Landwirtschaft dienen. Mein Vater stammte aus Altkosaken (am meistens von Kosakenabkömmlingen besiedelt) auch in Süd-Bessarabien. Er war als Lokführer im Eisenbahnknoten Bessarabjaska beschäftigt und wohnte in Leipzig. Er sprach fließend Deutsch, was ihm die Möglichkeit gab eine Deutsche zu heiraten und sich in die Gemeinde Leipzig einzugliedern. Im Okt. 1940 wurden alle Bessarabien-Deutsche nach dem Hitler-Stalin-Pakt zwangsweise ins Reich umgesiedelt. Mein Vater war gerade als Lokführer unterwegs und hat die Umsiedlung verpasst.

In meinen Jugendjahren habe ich keinerlei politische Neigungen gehegt. Ich wollte Wissenschaftler werden und dazu hatte ich gute Voraussetzungen: Meine mathematischen Begabungen (hervorragendes abstraktes Denken, die außerordentliche Fähigkeit logische Konstruktionen aufzubauen) wurden von Lehrern und den Schulkameraden bewundert, so dass ich seit dem 6. Schuljahr den Spitznamen "Mathematiker" trug. Physik, Astronomie und Mathematik waren meine Lieblingsfächer. Nach dem erfolgreichen Abitur, wandte ich mich dieser Fachrichtung an der Universität zu und erwarb mit Leichtigkeit das Diplom eines Mathematikers.

Es stellte sich aber an der Universität bei mir eine Wende ein.Als wissenschaftlich denkender Mensch, für den die Wahrheitsfindung das höchste Maß stellt, konnte ich mich nicht im Gespinst von politischen Lügen und Heuchelei des sowjetischen Regimes einleben. Ich begann an den Wurzeln dieser Ideologie zu graben. Die größte Überraschung fand ich im Hauptwerk Karl Marx's "Das Kapital". In diesem streng logisch aufgebauten Konzept stieß ich auf einen Trick, mit dessen Hilfe K. Marx seine "Ausbeutungstheorie der Arbeiterklasse" glaubwürdig darzustellen versuchte. Seitdem war für mich der Marxismus-Leninismus, deren Quellen ich sorgfältig studierte, keine Wissenschaft mehr, sondern eine Ideologie, welche bestimmten politischen Zwecken dienlich war. Der innere Konflikt mit dem herrschenden Regime war schon angelegt. Diese innere Zerrissenheit haben viele Wissenschaftler erlebt, wobei jedoch fast alle sich dem System fügten, denn ein Dissident bekam unzögerlich die inhumane Härte des Regimes zu spüren. Somit haben nur einzelne es gewagt, sich kritisch mit dem herrschenden System offen auseinander zusetzen. Ich gehörte dazu, und ging für sieben Jahre in die politische Gefangenschaft.

Mein "Staatsverbrechen" bestand darin, dass ich versucht habe, eine demokratische Partei zu gründen. Nach dreijähriger illegaler Tätigkeit gelang es mir, die "Union der Demokratischen Sozialisten" zu formieren, deren Mitglieder die von mir verfasste Zeitschrift "Die Wahrheit dem Volke" (ausgefertigt in der eigens heimlich eingerichteten Druckerei) im Mai 1964 in zahlreichen Großstädten der UdSSR (von den Karpaten bis zum Ural) verbreiteten. Etwa 30 Personen wurden in die Sache verwickelt. 6 aktive Mitglieder wurden vom Obersten Gericht der Republik zu insgesamt 36 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Die anderen kamen mit dem Rausschmiss aus den Hochschulen oder mit Entfernung von höheren Posten davon. Ich habe vor Gericht verweigert mich als schuldig anzuerkennen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden wir alle rehabilitiert.

Die 7 Jahre in politischen Straflagern unter miserablen Bedingungen waren für mich kein verlorener Lebensabschnitt, wie es viele Autoren darstellen. In nach-stalinistischer Zeit ging es hier nicht allein mehr ums Überleben. Essen, Unterbringung sowie die Zwangsarbeit waren grob und hart, aber gerade erträglich, um nicht ständig daran zu denken. In den sechziger Jahren waren an diesem Punkt die rebellierenden Andersdenkenden aus der gesamten Sowjetunion konzentriert, worunter zahlreiche gut ausgebildete Intellektuelle kaserniert waren. Hier fanden sich Vertreter ganz unterschiedlicher Richtungen und Färbungen - von liberalen Kommunisten bis zum Monarchisten und radikalen Nationalisten. Wer die Hoffnungen auf eine respektable Zukunft nach dem Absitzen aufgegeben hatte, der konnte sich auf den Genuss der Freiheit des Meinungsaustausches, die nur in diesen Punkten des großen sowjetischen Imperiums real existierte, aufs Längste erfreuen. Auch Informationsquellen, wie Bücher, Zeitschriften gab es genug. Viele politische Häftlinge hatten eine Menge Bücher, die draußen verboten oder nur in geschlossenen Abteilungen speziellen Lesern zugänglich wurden. Die verbotenen Romane Dostojewskijs, philosophische Werke von Berdjajew und Solowjow, Wirtschaftsbücher vom russischen Ökonomen Strumilin sowie des amerikanischen Volkswirtschaftlers Samuelson und vieles mehr konnte man zum Lesen bekommen, wenn man einen Vertrauensstatus besaß. Außerdem gab es im Lager derart viele Diskussionswütige (das waren meistens äußerst hochausgebildete Intellektuelle), dass man laufend in verschiedenen Debatten einbezogen wurde. Zur Aussprache kam eine bunte Themenwahl aus der Politik, Philosophie, Wirtschaft, Geschichte, Literatur, Religion etc. Woher ich ohne Übertreibung behaupten darf, dass für mich die politische Gefangenschaft eine zusätzliche akademische, niveauvolle Ausbildung in den Fachrichtungen Philosophie, Geschichte, Politik und Ökonomie war. Nicht zufällig schrieb ich fast am Ende meiner Haftzeit eine politisch-wissenschaftliche Arbeit, in der ich - nach einer gründlichen Analyse der wirtschaftlichen Seite des Sowjetkommunismus - Beweise vollbrachte, dass der Wettlauf zwischen der Sowjetunion und den USA zugunsten des Westens entschieden ist, wobei es nur eine Frage der Zeit sei, wann das Sowjetregime aufgrund ökonomischer Defekte in sich zusammenfalle.

Dennoch, so rosig war die politische Gefangenschaft nicht. Wer etwas zu organisieren versuchte, oder an Protestaktionen aktiv teilnahm, der begab sich in Lebensgefahr und bekam sehr schnell die stalinistischen Foltermethoden wie schwere Arbeit, Hunger und Kälte auf eigener Haut zu spüren. Als ich 1969 an einer Protestaktion aktiv teilnahm, wurde mir die schwerste Arbeit zugeteilt, gerade die Stelle, wo vor kurzem der Ukrainer Tkatsch an Herzversagen starb. Die Strafe zeigte keine Wirkung. Das Gegenteil war der Fall. Ich begann die gleichgesinnten Insassen des Straflagers in Mordowien anzustiften, für die Anerkennung ihren Status als politische Gefangene zu kämpfen, und organisierte einen Massenhungerstreik mit entsprechenden Forderungen. Mit noch drei aktiven Teilnehmer wurde ich zu einer strengen Isolation im berüchtigten Wladimirgefängnis verurteilt. Nach drei Monaten Hungersration (etwa 900 Kcal ungekochtes Essen), kam die Nachricht, dass Aleksandr Solschenizyn in seiner Nobelpreisrede verkündet hat, dass gerade während der Verleihung die politischen Gefangenen des Wladimirgefängnisses einen Hungerstreik für die Menschenrechte halten. Die Mitinsassen der Zelle 192, darunter der bekannter Dissident Alexander Ginsburg, haben sich entschlossen, den Hungerstreik durchzuführen. Das war nicht einfach, denn die isolierten Zellen mit etwa 50 politischen Gefangenen waren im ganzen Gefängnis mit ca. 2000 Insassen (hauptsächlich kriminelle Mörder) zerstreut. Trotzdem ist es uns gelungen, dass am 5 Dezember 1970 fast alle Politgefangene organisiert in den Hungerstreik eintraten und eine Woche durchhielten, obwohl der Nobelpreisträger selbst in Stockholm seine Rede nicht halten konnte.

Während des Hungerstreiks wurden Foltermethoden eingesetzt. Eine davon: Nach drei Tagen Essensverweigerung, öffnete sich plötzlich die Zellentür und die Aufseher mit weißen Schürzen stellten auf den Tisch noch dampfendes Essen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. Mein Freund warf sein Napfteller voll heißer Grütze in Richtung eines Aufseher (Gott sei dank wurde er nicht getroffen. Für eine Verletzung des Aufsehers wurde die Todesstrafe oder zusätzlicher langjähriger Freiheitsentzug vorgesehen). Ich beobachtete alles von meinem oberen Bett aus und als mir die Gefahr für meine Kameraden bewusst wurde ertönte aus meiner Kehle das Geschrei eines Leitwolfes: "Stop! Zurück! Alle auf ihre Plätze! Die sollen servieren, aber keiner berührt das Essen! Wir sind stärker als unsere Folterer." Danach - volle Stille, die Aufseher machten ungestört ihre Aufgabe zu Ende und verschwanden in Eile. Das Essen stand unberührt bis Ende des Hungerstreiks.

Der vierte Tag war für mich der schwierigste. Die Verdauungsreste begannen sich zu zersetzen und vergifteten langsam meinen Körper. Mein Herz tanzte und mir wurde immer schlechter. Die medizinische Hilfe wurde den Streikenden untersagt. Aufgeben und um Hilfe bitten? Nie - war die Entscheidung. Ich blickte ruhig dem Tod entgegen, ohne jemanden etwas zu sagen (In der Zelle waren wir zu sechst auf 12 qm - wie auf den Friedhof - 2 qm pro Person), und versank in den Dämmerungen meines Bewusstseins. Es geschah ein Wunder: Am nächsten Tag kam ich wieder in diese Welt zurück und war fit und kampfbereit: mein Gehirn löste das Problem - neutralisierte die Gifte und stoppte weitere Vergiftung. Wie? Die Antwort bekam ich bei dem ersten Stuhlgang nach dem Hungerstreik (Ich habe nebenbei in der Unizeit auch Medizin studiert). Die Exkremente waren voll Blut. "Ja, der erste Erfolg des Streiks ist offensichtlich - mein Dreck ist kommunistisch geworden," teilte ich mit einem zynischen Grinsen den Zellenkameraden mit, die mit Leichengesichtern einen Blick ins WC warfen.

Das Wladimirgefängnis war auch nach der Stalinzeit eine Hölle des realen Sozialismus geblieben (Das war kein Stammheimgefängnis). Viele wurden hier gebrochen und gaben auf. Ich bin ganz sicher, dass die Radikalen mit roten Träumen gefüllten Köpfen aus dem Westen in einigen Monaten Aufenthalt in dieser Hölle voll gelüftet und zu schwänzelnden Hunden degradiert worden wären. Denn hier gab es kein frisches Gemüse und Delikatessen aus Restaurants. Eine Anwältin hätte hier keinen Eingang gefunden. Ständige Kälte und spärliches Schweinefrass, dösige Luft und schwaches Glühbirnenlicht reduzierte die Zeugungskraft der schuldlosen Dissidenten auf Null. Im Mai 1971, genau 7 Jahre nach der Verhaftung, verließ ich diese Hölle ohne Euphorie, denn mein Weg führte nicht in die Freiheit, sondern in das "Große Lager", wie die UdSSR von Dissidenten umgetauft wurde. Dennoch war ich zufrieden, sogar stolz auf meinen Geist und Körper, die alle Strapazen und Qualen zum Trotz ehrenhaft überstanden haben. Ich ging abgemagert und graublass in Klamotten eines Sträflings mit gehobenen Haupt durch die Menge der Sowjetbürger, die mich ängstlich und misstrauisch anschauten, aber sobald Manche erfuhren, dass ich ein politischer Häftling war, wechselten sich ihre Gesichtsausdrücke auf Bewunderung und Hilfsbereitschaft. Zwei Jahre nach der Entlassung, als der Boden unter meinen Füßen wieder heiß war und ich spürte, dass mein Urlaub in der "großen Zone" bald abgebrochen wird, nahm ich das Angebot der Sozialismushüter in Anspruch, meine Heimat im Westen zu suchen.

Als Untergrundkämpfer gegen das kommunistische Regime in der UdSSR und politischer Gefangene habe ich mir sehr früh Gedanken gemacht, was eigentlich die Alternative zu demjenigen Regime sei, und fand nur eine Antwort - Demokratie! Deswegen beschäftige ich mich mit Elan seit etwa 40 Jahren mit dem Problem der Demokratietheorie. Im Sommer 1968 - damals innerhalb des Straflagers für politische Gefangene in Mordowien - hatte ich zum ersten Mal meine Demokratietheorie ähnlich gesinnten Häftlingen vorgetragen. Die politischen Straflager Mordowiens waren die einzigen "Oasen" in der UdSSR, wo man seine Meinung, seine Gedanken, sogar Politkonzepte offen äußern konnte, ohne verfolgt zu werden. Denn wir waren ohnehin als "besonders gefährliche Staats-Verbrecher" abgestempelt worden, und von einem Staatsfeind könne, der Logik nach, keine Loyalität verlangt werden.

Im Jahre 1974, als mir bereits die zweite Verhaftung drohte, emigrierte ich in die BRD. Trotz dessen blieb ich meiner Linie treu und versuchte, hier im Westen, meine politischen Zielsetzungen weiter zu verfolgen. Zu meiner Enttäuschung stand es um die russisch politische Emigration kläglich: Die politischen Organisationen russischer Emigranten der sog. "ersten" und "zweiten Welle" hatten sich entweder aufgelöst oder waren von sowjetischen Agenten so durchfilzt, dass eine politische Tätigkeit kaum möglich erschien.

Ende der siebziger Jahre begann ich unter den Politemigranten der "dritten Welle" eine Aufklärungskampagne unter der Konzeption: Das kommunistische Regime in der Sowjetunion ist bald am Ende und wir müssen uns organisieren, damit wir (pflichtgemäß jeder politischen Emigration) nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vorbereitet ins Land zurückkehren und an der politischen Gestaltung aktiv teilnehmen. Diese Idee fand bei vielen prominenten Polit-Emigranten Unterstützung: Andrej Amalrik (Autor des Buches: "Überlebt die UdSSR das Jahr 1984?"), Alexander Ginsburg, General Pjotr Grigorenko u. v. a. Zu meinem Erstaunen tauchten viele Gegner auf, die nicht nur die Idee diffamierten, sondern deren Umsetzung zu verhindern versuchten. Darunter gehörten der Schriftsteller Wladimir Maximow, der bekannte Bürgerrechtler Kronid Lubarskij und viele mehr.

Im Sommer 1980 fand das erste Organisationstreffen in Marseille statt. Die Hauptaufgaben übernahmen Andrej Amalrik und ich: Ich war für organisatorische Fragen zuständig, er - für die Finanzierung und die Public Relations. A. Amalrik gehörte zu den klügsten Köpfen der Emigration und war zugleich äußerst populär, dabei standen ihm alle Türen offen. Tragischerweise kam er bei einem Autounfall in den Pyrenäen ums Leben, als er versuchte ohne Visum, sich nach Madrid zur KSZE-Konferenz zu begeben. Er hinterließ eine Lücke, die keiner mehr ausfüllen konnte. Dem entgegen fand in Paris unter meinem Vorsitz eine Gründungskonferenz der "Demokratischen Union" statt, bei welcher etwa 50 Politemigranten aus der UdSSR teilnahmen. Nach zwei Jahren löste sich die Organisation auf, denn ich konnte weder in den USA noch in West-Europa nennenswerte Finanzunterstützung finden (zu starke Kräfte wirkten entgegen), und aus purem Enthusiasmus ist es wahrlich schwer, etwas Ernsthaftes und Langlebiges aufzubauen. Mein Versuch, die russische Emigration "dritter Welle" politisch zu organisieren, scheiterte. Dabei erlebte ich, dass auch im freien Westen die Versuche gegen Sowjetkommunismus zu handeln, nicht ohne Gefahr sind. Während einer Trauerfeier tat mir jemand Gift ins Glas. Glücklicherweise habe ich schon im dämmernden Bewusstsein alles erbrochen und mich nach einigen Tagen erholt. Kurz danach wurde mir ein Foto zugespielt, auf welchem mein Gesicht, einer Leiche glich. Das war eine Mahnung, die mich kaum beeindrucken konnte. Meine Meinung in diesem Punkt stand schon lange fest: Wenn ein Dissident dem Tod nicht direkt und ruhig ins Gesicht blicken kann, so sollte er besser sich dem Sowjetregime beugen oder ihn aus dem Wege gehen.

Im April 1982 verwandelte sich die "Demokratische Union" in den "Verein zur Förderung der unabhängigen Kultur in der UdSSR" (U.K. e.V.) mit dem Hauptsitz in Frankfurt am Main. Der Verein hat viele Zigtausend Bücher und Zeitschriften in die Sowjetunion eingeschleust und damit zum Zerfall des Kommunistischen Systems beigetragen.

Nach der Gründung der "Demokratischen Union" konnte ich leicht feststellen, wer auf wessen Seite steht. Zu meiner Enttäuschung konnte ich konstatieren, dass mehr als die Hälfte der Dissidenten Einflussagenten des KGB waren (was sich auch nach dem Zerfall der UdSSR bestätigt hatte). Im Jahre 1983 entstand in Paris eine andere Organisation der russischen Emigranten unter dem klingenden Namen "Internationale des Widerstands", mit einer wohl durchsichtigen Losung: Der Sieg des Kommunismus ist unausweichlich, deswegen ist es notwendig, einen Widerstand dagegen zu entwickeln, um dessen endgültigen Sieg über dem Westen etwas aufzuschieben. Das war eine offensichtliche Schöpfung der sowjetischen Einflussagenten. Eigenartig, dass in dieser Gesellschaft sich viele bekannte Dissidenten sowie westliche Prominenz eingefunden hatten. Die Organisation entwickelte mit viel Publicity eine breite "Tätigkeit", die meistens sich in den Pariser Restaurants abspielte, wo die Vorstandsmitglieder mit amerikanischen Schecks großzügig umgingen. Kurz gefasst - die "internationalen Widerständler" haben auf Kosten des CIA sich einige Jahre sattsam amüsiert; einige sahnten kräftig ab, da im Unterschied zu ihren sowjetischen Kollegen, die duzende Organisationen in verschiedenen Ländern aktiv aber dennoch spärlich unterhielten, schmissen Amerikaner mit Geld nur um sich herum bei der Finanzierung mancher antikommunistischer Vereinigungen, die eigentlich der Gegenseite dienten. Das ist auch einer der Gründe, warum die russische politische Emigration keine nennenswerte Rolle bei der Mitgestaltung des postkommunistischen Russlands eingenommen hatte.

Ich distanzierte mich von den gesteuerten Auswüchsen der Geheimdienste und widmete meine Zeit den theoretischen Untersuchungen des Sowjetkommunismus. 1985 erschienen in der Zeitschrift "Forum" (München), im Artikel "Der Maltus Wolf" auf den Fersen der Sowjetunion", die Ergebnisse meiner Arbeit. Mit Vergleichstabellen und Analysen begründete ich den Gedanken, dass die UdSSR wirtschaftlich am Abgrund steht, und bis zum Zusammenbruch der sowjetischen Planwirtschaft maximal zehn Jahre verblieben seien. 1987, vierzehn Jahre nach der Emigration, erlaubten mir die inzwischen liberal gewordenen Machthaber, das Grab des vor einigen Monaten verstorbenen Vaters zu besuchen. Was ich im Sowjetland vor Gesicht bekam, übertraf all meine dunklen Vorstellungen. Die Hauptstadt stellte ein düsteres Bild dar: Die meisten Gebäude und Straßen waren verkommen, die Läden standen leer. In einem Juwelierladen im Zentrum Moskaus fand ich nur leere Schmuckkästchen; sie wirkten wie Särge, aus denen man vor kurzem die Leichen entfernt hatte. In der Provinz sah es noch viel schlimmer aus.

Ende der achtziger Jahre erkannte auch die sowjetische Führung, dass die Planwirtschaft nicht mehr funktionsfähig ist und schlug den Reformkurs ("Perestrojka") ein. Michail Gorbatschow und seine Riege verkündeten das "neue Denken" in zwischenstaatlichen Beziehungen, was auf eine Abkehr von einem der Grundsteine des Weltkommunismus hindeutete. Die Tragikomödie von Gorbatschow bestand darin, dass er nicht gänzlich verstand, dass der Verzicht auf strategische Ziele des Kommunismus, damit den wichtigsten Teil der sowjetischen Wirtschaft, nämlich den hochentwickelten Militär-Industrie-Komplex, sinnlos mache. Denn der andere Teil der Wirtschaft, die Konsumindustrie auf dem Niveau der 3. Welt, vegetierte. Somit durchging die Sowjetunion die Entwicklung von einer Supermacht in die Ränge der schwachentwickelten Länder (zumal die Zivilwirtschaft seit jeher auf deren Niveau gestanden hatte). Außerdem ließ sich die militarisierte Wirtschaft nur mit riesigen Investitionen auf lange Zeitspannen hinaus in eine normale Zivilwirtschaft umstrukturieren.

Anfang 1989 verfasste ich ein Buch, in dem ich ein Konzept entwarf, wie man eine Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft umwandeln könne. In diesem Buch "Logik der Demokratie und der Perestrojka" machte ich die Grundzüge meiner Demokratietheorie publik (wie ich schon davor erwähnt habe, hatte ich 1968 diese Theorie zuerst vor politischen Häftlingen referiert). Im Juli 1989 wurde das Buch an vielen mächtigen und prominenten Politiker der UdSSR übersendet worden, wie M. Gorbatschow, B. Elzin, A. Sacharow und viele andere, was wesentlich den Reformkurs Gorbatschows beeinflußte. Insbesondere betrifft das die Frage der deutschen Wiedervereinigung, deren Notwendigkeit für die erfolreiche Perestroika-Politik ich auf einigen Seiten begründete. Im Januar 1990 reiste ich in die UdSSR und versuchte, mich in die schnell-ablaufenden politischen Ereignisse zu begeben. Ich knüpfte Verbindungen zu neu entstandenen Organisationen und nahm sogar an der "Allrussischen Konferenz der Volksfronten" in Jaroslawl teil, welche die Absicht hatte, mit einem Alternativprogramm zu den bevorstehenden Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR gegen die KPdSU anzutreten. Ehrlich zugestanden, meine Konzepte der politischen und wirtschaftlichen Umgestaltung der UdSSR fanden keinen Zuspruch bei den vor kurzen in die Politik aufgestiegenen Intellektuellen. Etwas anderes wäre kaum zu erwarten gewesen.

Im August 1991 bekam ich und andere Emigranten von Boris Jelzin eine Einladung nach Moskau zu einem Kongress. Gedacht war er als eine Art Meinungsaustausch zwischen Emigranten aus Russland und den einheimischen Reformkräften. Ich hatte mehrere Auftritte, darunter an der Akademie der Wissenschaften, vor einem Auditorium von Militärs sowie vor dem Schriftstellerverband in Leningrad. Ich kam zum Schluss, dass die sowjetische Reformelite, die noch im Marxismus-Leninismus watete, kaum Vorstellungen von dessen hatte, was eine Marktwirtschaft und eine Demokratie bedeuten. Mit einem Wort: sie wollten mit dem Aufbau einer Marktwirtschaft und Demokratie beginnen, wussten aber nicht so recht, was dies inhaltlich bedeutete und wie man ans Werk unter vorgegebenen russischen Umständen vorgehen sollte.

Ausgerechnet an den Kongresstagen legte der bekannte "August-Putsch" in Moskau los, dabei erlebte ich unter den Verteidigern des "Weißen Hauses" die Entschlossenheit und den Mut hunderttausender Russen (die meisten waren einfache Arbeiter), ihre neugewonnene Freiheit gegen Kommunisten zu verteidigen. Nach Zerschlagung des Putsches fuhr ich nach Leningrad (St. Petersburg), wo ich einem für mich hochsymbolischen und historischen Akt beiwohnte. Mit einer aufgebrachten Menge Abgeordneter des Leningrader Rats drang ich zusammen ins Smolny, dem Ort der ansässigen Parteizentrale. In diesem Gebäude hatte 73 Jahre zuvor Lenin den Sieg der Oktoberrevolution sowie den Anfang der kommunistischen Herrschaft verkündet. Boris Jelzin erließ einen Verbot der kommunistischen Partei der UdSSR. Mir fiel das Glück zu, an der Vertreibung der Kommunisten aus ihrer historischen Wiege teilzuhaben. Das war meines Empfindens nach, das euphorische Apogäum meines Lebens; ich betrachtete es als Schicksalsgabe für die vielen Jahre an Gefangenschaft und Kampfstrapazen.

Doch die Euphorie vom August, aber ebenso die wundersamen Zukunftsvisionen nach dem Niedergang des "Reichs des Bösen", verflogen rasch bei allen Beteiligten der geschichtlichen Umwälzung. Die Tragik liegt daran, dass "das umfassende geschlossene Gesellschaftssystem, das die Menschheit je erfunden hat, löste sich auf, und kein anderes System trat an seine Stelle." [G. Soros. ebenda; S. 197]. Die russische Reformelite - wie bereits oben genannt - hatte keine durchdachten Konzepte für den Aufbau eines neuen Wirtschafts- und Politsystems. Unter Einfluss westlicher Berater versuchte man sich am Aufbau einer Demokratie und einer freien Marktwirtschaft. Erschafft wurden nur ein Schein der Demokratie sowie einer freien Marktwirtschaft, hinter denen sich ein politisches Umherirren und ein gesetzesloser Raubtierkapitalismus ausbreiteten, in dem sich ehemalige noch junge Parteibürokraten, KGB - Diener, sowie Wirtschaftskriminelle es wohl zurechtmachten. Diese Umstände boten der Mehrheit der Bevölkerung keine Sicherheit und gewährten keinen Mindeststandard fürs Leben, weswegen die gewonnene Freiheit nicht viel wert war. Es ist nicht erstaunlich, dass die Sympathie für die Kommunisten und ihrer Mitläufer schnell anwuchs.

Das Schicksal Russlands ist ungewiss, und es werden bestimmt Jahrzehnte vergehen, bis dieses Land in den Vorzug einer Demokratie und freien Marktwirtschaft kommt. Der von Boris Jelzin zum Präsidenten Russlands beförderter Nachwuchs, Wladimir Putin, der in den Reihen des KGB und GRU seine Ausbildung und Kariere machte, hat in Russland für minimale Ordnung gesorgt, die hoffentlich den russischen Bürger zugute kommen wird. Die letzten Meldungen aus Russland deuten darauf hin, dass ein autoritäres politisches System sich etabliert, das eine von oben kontrollierte Marktwirtschaft zulässt und ihre Vorteile ausnutzt.

Bis Ende der achtziger Jahre war ich überzeugt, dass die westliche Welt felsenfest, auf ihrer freiheitlichen und wohlstandsorientierten Basis stehe und in der absehbarer Zukunft es hier nichts Neues zu erwarten ist. Mit der Wirtschaftskrise in den USA , die langsam auf Europa übergriff, begann ich an meinem Glauben zu zweifeln. Denn eine wirtschaftliche Erschütterung in Friedenszeiten ist, meiner Meinung nach, auf das Versagen der Regierenden zurückzuführen. Im Jahre 1992 brach in West-Deutschland, dessen Wirtschaft vollkommen mit den Vereinigungsaufgaben überhitzt gewesen war, eine erstaunliche Rezession aus, welche ein paar Jahre anhielt. Der Logik nach hätte eine Rezession in Westdeutschland gar nicht stattfinden müssen, weil der Aufbau Ost eine gewaltige Aufgabe darstellte, die mindestens einen Jahrzehnt die Gesamtwirtschaft beansprucht hätte. Ich untersuchte den ganzen Prozess der Vereinigung; es kamen grobe und leichtsinnige Fehler - politischer und ökonomischer Art - ans Licht, die das Versagen der Regierung Kohl zur Ursache hatten. Meine Ergebnisse und Gedanken habe ich in meinen Aufsätzen niedergeschrieben, mit der Überschrift: "Wenn die Regierenden versagen". (1999 kam es zur Veröffentlichung als Autorenausgabe, um eine breite öffentliche Diskussion zu entfachen. Das ist mir nicht gelungen. Dennoch habe ich im vorliegenden Buch das angesprochene Manuskript verwendet.)

Als 1997 die Asienkrise ausbrach und langsam sich um den Globus verbreitete, war von meiner bisherigen Überzeugung nichts übrig geblieben. Ich vertilgte eine Reihe an Publikationen und führte Analysen durch. Die Resultate dieser ungeheuren Arbeit waren mehr als beunruhigend: Die veralteten und verkrusteten, im gewissen Sinne auch korrupten, politischen Strukturen von Westländern sind nicht im Stande den Anforderungen der neuen Finanz- und Wirtschaftswelt gerecht zu werden. Sie sind zu träge, zu bürokratisch, um effizient die ständigen Umstellungen in der Ökonomie und Politik rechtzeitig zu bewerkstelligen. Die Mehrheit der Staatsformen empfand ich als obsolet und nur demokratieähnlich ("Liberale und rechtstaatliche Schein-Demokratien"), wo gerade die Ursache der Ineffizienz liegt. Das Versagen der Regierenden, das betrifft Westeuropa am ehesten und Deutschland insbesondere, hat den Geist des alten Wirtschaftsliberalismus losgelassen. Die verschiedenen Autoren bezeichnen ihn als Neo-Liberalismus, Marktfundamentalismus, Raubtierkapitalismus, "laissez-faire-Kapitalismus", "Börsen-Kapitalismus" oder einfach Macht des Weltkapitals und Globalisierung der Weltwirtschaft.

Der Geist, welcher nur den Profit vergöttert, hat sich frei von staatlichen Grenzen und Souveränitäten gemacht. Es verlangt von jedem Staat Vergünstigungen und sogar Opfer. Die Länder müssen im harten Wettbewerb gegeneinander auftreten, um die Gunst des Weltkapitals zu gewinnen. Wenn ein Staat sich nicht beugt oder keine günstigen Bedingungen schafft (billige Arbeitskräfte, Niedrigsteuern), verlässt es so schnell wie möglich das Land. Dasselbe treiben die Weltkonzerne, die ihre Produktion in die Billiglohnländer verlagern. Dies verursacht eine wirtschaftliche Verwüstung eines Landes nach dem Anderen sowie auf manchen Kontinenten. (Es war nicht schwer vorauszusagen, dass auch Westeuropa und Nordamerika nicht verschont bleiben. In ein paar Jahre war es so weit. Die Kapital- und Wirtschaftsmetropolen wurden in die dauerhafte Krise hineingezogen und niemand wagt es vorauszusagen, wann endlich die Finanz und Wirtschaftskrise aufhört). Zahlreiche Politiker und ganze Parteien Westeuropas appellieren an die Bevölkerung, sich fit für diesen Wettbewerb auf dem globalisierten Weltmarkt zu machen; keine moderaten Lohnabschlüsse mehr, drastische Kürzungen der Sozialleistungen sowie ein schlanker Staat werden ständig propagiert. Es erweckt den Anschein, dass die souveränen Staaten, sich in die Lage von Strichern versetzen lassen, die alles bereit sind zu tun, um die Gunst von einem ungemein exklusiven Kunden zu erhaschen; hier wären es das Weltkapital und die multinationalen Konzerne.

Viele Autoren stoßen Kassandrarufe über noch bevorstehende Umwehungen und Verwüstungen hervor, die zahllose Länder oder die gesamte Welt erleiden werden; obgleich nur wenige etwas Konstruktives und Wirkungsvolles vorzuschlagen vermögen. Eine außergewöhnliche Publikation stammt von George Soros ("Die Krise des globalen Kapitalismus - offene Gesellschaft in Gefahr"). Das Finanzgenie, wie ihn viele nennen, der im vollen Maße von den Unzulänglichkeiten der heutigen Finanz- und Wirtschaftswelt profitiert, appellierte gleichzeitig an die Regierungen und der Öffentlichkeit mit gut durchdachten, fachkundigen Vorschlägen, wie man den Dschinn, das freigewordene Weltkapital, unter die Obhut der Politik wieder stellt: sonst "werden die Märkte noch viel tiefer fallen, und das wiederum wird zu einer globalen Rezession führen. Mehr noch: Der Zerfall des kapitalistischen Weltsystems erlaubt keine Erholung, die Rezession wird deshalb in eine Depression übergehen." [eb. S. 216]. Leider nimmt er a priori vorweg, dass die westlichen Staatsformen Demokratien seien (dies wird von vielen Politikwissenschaftlern bestritten). Meiner Meinung nach sind in vielen Staaten Westeuropas weder repräsentative noch andere Arten von Demokratien vorhanden.

Es muss ein starker Reformruck im politischen Leben Deutschlands sowie in anderen Ländern geben, aber vor allem sollte das politische Dach der EU vollständig reformiert werden. Keine Reförmchen benötigt die EU, sondern eine zügige wohlüberlegte Umwandlung in einen föderativen Bundesstaat (das Subsidiaritätsprinzip muss hier die wichtigste Stellung einnehmen) mit der Europa-Verfassung als auch von Europa-Staatsorganen, welche so konzipiert sind, dass die höchste Effizienz sich darin zeige, dass sie mit der heutigen schnell entwickelnden Welt Schritt halten könnte. Der Verfassungsentwurf vom EU-Konvent, der "ein Produkt der wirtschaftlichen und politischen Eliten ist, ... von Eliten stammt, die den Kontakt zum Volk weit gehend verloren haben."(Konrad Adam. "Die Welt", 21.06.2003, S. 9), bietet keine erfreuliche Perspektive für EU-Bürger und Völker, denn er stellt ein Projekt für ein bürokratisches und parthokratisches Europa mit ineffizienten Regieren dar, wo die Bürger nicht viel und schon gar nicht das letzte Wort zu sagen haben. Deshalb müssen die EU-Bürger ihr Schicksal alleine in die Hand nehmen, sich in die Wähler-Parteien organisieren, um die Hegemonie der Machtparteien zu brechen. Der aufgezwungene Verfassungsentwurf muss entschieden abgelehnt und den Weg zum Europa der Demokratie als Volkssouveränität und unantastbare Grundrechte des Individuums eingeschlagen werden, wo der Bürger das entscheidende und das letzte Wort zu sagen vermag.

Diesem aktuellen Thema: realisierbare Demokratie und wie man sie aufbaut, - habe ich meinem Buch "Demokratie als Volkssouveränität und Menschenrechte" gerade gewidmet. Das Buch enthält eine ganz neue Theorie der wahren Demokratie, aber auch eine umfassende Kritik über den Parteienstaat Deutschlands; dabei ist ebenso ein Reformprogramm zur Politik und in der Wirtschaft dargelegt. Es führt viele andere theoretische Überlegungen auf, z. B. zum heutigen Wesen des Geldes, Staatsfinanzen u. s. f. Deshalb empfehle ich allen Lesern mein Buch (in Kurzfassung und vorläufig in form eines CD-Buches), das als theoretische Grundlage für politische sowie wirtschaftliche Umgestaltung Deutschlands und anderer Länder dienlich werden kann, denn hier stelle ich nicht nur die Probleme, die uns regelrecht unerwartet überhäuft haben, sondern biete die realistische Lösungen dazu.